Kulturtier

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Das Liebesprogramm

die ersten beiden Kapitel

Die Tat

Es war eine Laune. So ein fast ganz in sich abgeschlossener Moment, in dem alles begann, an diesem wolkenverhangenen Nachmittag. Still und weich lullte das entrückte Gefühl Jenny Springer ein und sog sie immer tiefer in die Angebote der individuellen Lebensbegleiter. Die genialen Maschinen für alle Lebenslagen, allen voran die ganz persönlichen und intimen.

Langeweile, Neugier, gemischt mit ihrer leise brodelnden Unzufriedenheit, immer tiefer hatten diese Gefühle sich zuletzt breitgemacht in ihrem eigentlich sonnigen Gemüt. Sie fühlte sich eingezwängt. Gefangen in einer Lebensweise, die alle Gefühle hinnahm und sofort mit einer viel zu perfekten Antwort bediente.

Ihren Freundinnen und Freunden ging es ähnlich. Einigen zumindest. Judith war sogar noch viel radikaler, Gloria auch. Seit sie in diesem Zirkel war, sie nannten ihn einfach ihren Kreis, kam sie sich zumindest nicht mehr so alleine vor. Sie trafen sich auf einer abgelegenen Waldlichtung, unter freiem Himmel, das war ihr Versteck. Tauschten sich aus, über ihre Empfindungen, über Geschichten wie es früher gewesen sei, über Ideen, das Gefühl der Beschränktheit, der Scham, wie Judith sagte, und wie es sich überwinden ließe.

Sie hatten sich dort auch berührt - und es hatte ihr gefallen. Gut sogar, weiter war sie aber nicht gegangen. Bisher nicht - schon gar nicht mit Robert. Keiner kannte die Folgen, kämen sie sich zu nahe. Krankheiten, verletzte Seelen, wilde Schwangerschaften, erwischt werden, Bloßstellung und Strafe, sie erschauderte bei dem Gedanken, wusste aber nicht: überwog nun das Grausen oder die Erregung? Früher hatten die Menschen es gemacht, das wusste sie, ihnen aber hatten sie von klein auf eingetrichtert: Körperkontakt war gefährlich und verboten.

Also klickte sie weiter - auf der Suche nach dem Leben jenseits der gängigen Lebensbegleiter. Viele ihrer Kolleginnen an der Funktionsschule hatten sich längst ein Standardmodell gekauft. Sich dem Programm von LifeRobotics angeschlossen, das die Bedürfnisse zuverlässig errechnete und die Begleiter entsprechend einstellte: sicherer, sauberer Sex.

Jenny war das unheimlich. Eingesperrt in eine Liebesschublade, die alles jederzeit abdeckte - sie wollte das nicht. Sie wollte mehr: Unbekanntes, Überraschendes, Neues. Den kalten, nervösen Schweiß, weil du nicht weißt, was kommt. Sie klickte sich immer tiefer in die Angebote und staunte, was es alles gab, über das nie jemand sprach. Sie könnte sich quälen lassen oder selbst quälen, Märchenphantasien ausleben, in allen Lebenslagen, öffentlich aktiv, passiv, mit jeder Art von Hilfsmitteln, es war ja nichts echt.

Es wurden einfache Roboter angeboten oder ganze Erlebnisse, mit Sinnsteuerung und ohne, alles auf Mietbasis, für Stunden oder Tage. Gefahrlos konnte sie sich hier in ihren persönlichen Abgründen ausleben - nein, viel mehr: sie wurde hingeführt zu ihnen - und der Gedanke daran hinterließ eine wohlige Stimmung in ihrem Körper. 

Ihre Phantasie verselbständigte sich. Mit beflügelnder Leichtigkeit glitt sie dahin und willig ließ sie sich treiben, bis sie das Bedürfnis verspürte, mehr zu bekommen. Mehr als nur ein Bild im Kopf. Allmählich wuchs ihre Bereitschaft zu handeln. Es juckte - und immer verlockender wurde der konkrete Wille, sich so einen Begleiter zu bestellen. Für den Nachmittag, vielleicht auch den Abend. Einen Roboter, der echt wirkte und ihren ganzen inneren Unmut wegmacht. Packt, nimmt und sie fortträgt, ins Paradies. Mit neuer Zielstrebigkeit klickte sie sich durch die Angebote. Die guten waren teuer, sehr teuer. Die Preise waren für ihr Gehalt als Funktionsschullehrerin eindeutig zu hoch. Frustriert suchte sie herum, hin und hergerissen zwischen ihrem Geldbeutel und den Verlockungen dessen, was sich da vor ihr anpries.

Gerade als sie an der Grenze war, die Aufgewühltheit am größten und der einsame Frust nahe daran, die Lust zu erdrücken, da kam es: das Angebot.

„Ich weiß, was Du willst“, sprach es sie an und mit einer perfekt gemachten Spiegelung ihrer schmutzigen Gedanken bewies es: das war nicht übertrieben. Zum Probierpreis. Bis Mitternacht, ein Preis, der ihr zwar teuer, doch absolut machbar erschien. Neugierig klickte sie tiefer. Folgte einer Spur, unwiderstehlich gezogen, ein Automatismus, dem ihr ganzes Wesen bereitwillig folgte. Ein Wunsch nach dem anderen schien sich zu erfüllen, sie konnte Aussehen und Stimme bestimmen, dann war da schon der Knopf: ‚Jetzt bestellen‘. Neben dem Kasten mit der üblichen endlosen Liste der Geschäftsbedingungen und Warnungen blinkte ein Zähler: das Angebot lief ab. Gnadenlos, er zählte rasend schnell herunter, Sekunden, Minuten, irgendetwas dazwischen. Gebannt starrte sie auf die Zahl. Erregung machte sich in ihr breit. Sie war alleine, würde alleine bleiben, ihre Mitbewohnerinnen, ebenfalls Lehrerinnen, waren über die Nacht auf einem Kurs. Morgen war Schule, aber bis Mitternacht konnte sie leicht aufbleiben. Es war alles möglich. Zehn, neun, acht, … , ihr Blick flackerte und ihre Hand schmerzte vor Spannung. Als der Zähler bei 3 war, drückte sie auf ‚bestellen‘.

„Ich bin in einer Stunde bei Dir, mach Dich schon mal schön“, sprach sofort der auf ihren Wunsch angepasste Roboter aus dem Kommunikator, zwinkerte sie an, winkte und ging aus dem Bild.

Aufgeregt legte sie den Kommunikator zur Seite. Es war zwar nur ein Roboter, aber was hieß das schon. Sie wollte sich auf gar keinen Fall blamieren. Wohnung aufräumen, sich herrichten, etwas nettes anziehen, einen Drink für sich – sie dachte alles zugleich und verhaspelte sich entsprechend, verträumte wertvolle Zeit, bis sie zumindest über die Reihenfolge nachdachte. Schließlich griff sie als erstes nach dem Drink, fing an die Wohnung zu inspizieren, überlegte viel zu lange, wo sie es machen sollten, bis sie darauf kam, es geschähe vermutlich überall, räumte hektisch auf, stürzte zum Schrank und suchte sich die geeignete Wäsche und dann ins Bad um sich herzurichten. Und wie sie sich hübsch verpackte, spürte sie, wie die Erwartung wuchs und schon zur Erregung wurde. Gerade als sie den Lippenstift auftrug, klingelte es. Im letzten Moment verrutschte ihr der Stift und die rote Linie verzerrte ihren Mund zu einem schiefen Grinsen. Verwirrt starrte sie sich an. „Ist ja nur ein Roboter“, beruhigte sie sich, „so schlecht sieht das auch wieder nicht aus, für den Zweck“, ließ es, rückte noch einmal die Bluse zurecht und ging zur Türe.

Carolin West hat einen neuen Job

Das neue Büro von Carolin West lag günstig. Es war hell, mit lichtvariablen Glasfenstern nach draußen und drinnen, doch noch viel wichtiger war das Stockwerk: der Flur der Stabsfunktionen von LifeRobotics. Sie war mittendrin. Von ihrer Flurecke ging es in die eine Richtung zu den Aufzügen und der Rechtsabteilung, in die andere zum Forschungsleiter und der Qualitätsabteilung. Ihre neuer Chefin, Melissa Winter, hatte sie sehr fürsorglich herumgeführt und allen vorgestellt, allerdings auch deutlich gemacht: so viel bekämen sie dann doch nicht miteinander zu tun. Melissa war für alle nicht technischen Fragen des Betriebs verantwortlich, war verbindlich und freundlich, aber zeigte zu jeder Sekunde, dass sie auf einer anderen Umlaufbahn lebte. Eine Zahlenfrau, wie Carolin schnell erkannte. Ihr war das egal. Sie selbst hatte auch nicht Melissa, sondern ein intelligentes Computersystem für diesen Job ausgesucht, davon war sie überzeugt, und diese Systeme waren auch ihr wichtigerer Kontakt. Außerdem natürlich die Kollegen auf dem Flur.

Seit gestern, sie konnte es kaum glauben, so viel war seitdem passiert, war sie verantwortlich für das öffentliche Erscheinungsbild von LifeRobotics: Die öffentliche Wahrnehmung, der Lobbyismus und die Presse. Sie kannte diese Art Job gut. Hatte bei einem großen Agrarkonzern erfolgreich die Vorteile der modernen Landwirtschaft verteidigt, konnte auftreten, beherrschte die Sprache der Medien und sie beherrscht vor allem die Wirkung der meinungsbildenden Systeme. Die feinen Rädchen der Stimmungsmechanik, wenn es darum geht, was die Menschen gut finden und was verdächtig. Und LifeRobotics gefiel ihr als Unternehmen besonders gut. Auch sie hatte eine wilde Seite und die LifeRobotics Produkte passten zu ihrer Vorstellung, nach der sich geniale Technologie und Lebensfreude sehr wohl vereinen ließen. Die kritischen Bedenkenträger, die immer wieder das Gegenteil behaupteten, hielt sie für Langweiler.

Mit diesem Motto hatte sie sich jedenfalls ihren neuen Kollegen präsentiert und war freudig empfangen worden. Bester Laune trat sie deshalb nun ihren zweiten Arbeitstag an, etwas übermüdet und mit wackeligen Beinen, denn die Kollegen hatten ihr zum Antritt gleich ein Willkommensgeschenk mit nach Hause gegeben. Silvio - eine schwindelerregende Wucht aus der neuesten Serie - die Nacht war sehr viel mehr aufregend als erholsam gewesen. Das bestätigte sie jedoch nur umso mehr in ihrer Meinung über ihren neuen Job. Mit Mitte dreißig konnte man so etwas ja noch aushalten und ein Blick in den Spiegel zeigte ihr auch an diesem Morgen eine gutaussehende, blonde Frau, deren leicht unscheinbares Äußeres durch ein bestimmendes Auftreten mehr als wettgemacht wurde. Nun saß sie über den Organisationstafeln und studierte. Mit bunten Linien verbundene Kästen erklärten den Aufbau ihres neuen Arbeitgebers. Die riesige Bildschirmwand an der Seite des Büros, die von nirgendwoher einsehbar war, tat gute Dienste, denn das Unternehmen war komplexer, als sie gedacht hätte. Stück für Stück arbeitete sie sich durch die Abteilungen, studierte ihre Arbeitsinhalte und wie sie in das Gesamtgefüge der Firma eingebettet waren. Verblüfft war sie über die Größe der medizinischen Abteilung. Allerdings wurde bei näherem Hinsehen schnell klar, warum. Sie gliederte sich in zwei Gruppen: die Abteilung für Verhaltenspsychologie mit ihren Berechnungsanlagen, im Film wurde eine Rechnerfarm gezeigt, die das Warmwasser für  die Stadt Göteborg heizte, außerdem große Virtuelle Parks, in denen Analyseergebnisse vor- oder nachgespielt wurden, sowie die Abteilung für Fertilität: Alles rund um Erbgutqualität, Zeugungsverfahren und Austragung. Dieser Zweig tauchte im öffentlichen Bild kaum auf, war dabei aber ein großer Teil des Geschäftes von LifeRobotics. Nach einem kurzen Blick in die Wirtschaftsdaten pfiff sie zwischen den Zähnen. Die Abteilung für Fertilität machte zwar weniger Umsatz, aber sehr viel mehr Gewinn. Woher das Geld kam, war aus den Daten nicht erkennbar. Fasziniert sah sie einen Kurzfilm nach dem anderen an. Nette Wissenschaftler erklärten, wie LifeRobotics lenkend in die Vermehrung eingriff und wie sich die Qualität der Bevölkerung seither verbessert hatte. Film für Film stieg ihr Stolz auf ihren neuen Arbeitgeber und sie war noch gar nicht bei den Abteilungen, die sie besonders interessierten: den Robotern für Lebensbegleitung, oder auch Sexrobotern, wie sie im Volksmund genannt wurden.

Doch zuvor blieb sie noch bei der Rechtsabteilung hängen. Deren Leiter, Francois Muller, hatte sie bereits kennengelernt. Sein Büro war gleich um die Ecke. Nun verstand sie sein selbstbewusstes Auftreten: Die Abteilung war fast so groß, wie die medizinische. Der Auftrag war umfangreich: Rechtliche Räume gestalten, mögliche Klagen vorher erkennen, Schaden und Schuld sorgsam trennen.

 

 

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